Frieden erfordert einen tiefgreifenden Wandel in der Beziehung der Menschen untereinander. Die Bahá'í-Schriften betonen, dass Gemeinschaften nicht nur Empfänger von Frieden sind, sondern seine "Hauptarchitekten":
»Wenn wir die Auswirkungen auf diese Welt betrachten, dann stellen wir fest, dass Frieden und Gemeinschaft Faktoren für Aufbau und Vervollkommnung sind, Krieg und Streit dagegen die Ursachen von Zerstörung und Verfall.«
(‘Abdu’l-Bahá, Die Verkündigung des Weltfriedens: 48/2)
Aus der Perspektive des Bahá’í-Glaubens stellt sich daher eine grundlegende Frage: Reicht es aus, Frieden zu verhandeln – oder muss er vielmehr gelebt werden?
Lesen wir, was ʿAbdu’l-Bahá uns vorschlägt und was unsere Aufgabe sein kann:
»Das erste Zeichen des Glaubens ist Liebe. Die Botschaft der heiligen Offenbarer Gottes ist Liebe. Alles Erschaffene gründet auf Liebe. Das Strahlen der Welt beruht auf Liebe; Wohlfahrt und Glück der Welt hängen von ihr ab. Deshalb fordere ich euch auf, euch zu bemühen, überall in der Menschenwelt das Licht der Liebe zu verbreiten. Die Menschen dieser Welt denken an Krieg; ihr müsst Friedensstifter sein. Die Nationen sind selbstsüchtig; ihr müsst an andere denken, anstatt an euch selbst. Sie sind nachlässig; ihr müsst achtsam sein. Sie schlafen; ihr müsst wach und aufmerksam sein. Möge jeder von euch wie ein leuchtender Stern am Horizont der ewigen Herrlichkeit sein.«
(‘Abdu’l-Bahá, Die Verkündigung des Weltfriedens: 107/10)
Können wir daraus schließen, dass das Opfern für Andere der Aussage „Geben ist seliger denn Nehmen“ (Apostelgeschichte 20,35) gleichkommt? Es bedeutet, dass Geben und Teilen mit Anderen moralisch wertvoller und erfüllender ist als das bloße Empfangen.
Die Lehren von Bahá’u’lláh betonen, dass wahrer Frieden nicht allein durch äußere Strukturen entstehen kann. Verträge mögen notwendig sein, doch sie greifen zu kurz, wenn sie nicht von einer inneren Transformation der Menschen begleitet werden:
»O Sohn des Geistes! Kein Frieden ist dir beschieden, es sei denn, du entsagst deinem Selbst und wendest dich Mir zu. Denn es ziemt dir, dich Meines Namens zu rühmen und nicht des deinen, dein Vertrauen in Mich zu setzen und nicht in dich, will Ich doch allein und über alles geliebt sein.«
(Bahá’u’lláh, Verborgene Worte, Aus dem Arabischen, 8)
Frieden beginnt im Herzen. Er entsteht dort, wo Angst durch Vertrauen ersetzt wird, wo Vorurteile weichen und wo die Würde jedes Menschen erkannt wird. Solange in den Gedanken und Gefühlen des Einzelnen Trennung, Misstrauen oder vermeintliche Überlegenheit existieren, werden sich diese Haltungen unweigerlich in gesellschaftlichen Strukturen widerspiegeln.
Wenn die Menschheit tatsächlich eine Familie ist, dann sind Konflikte zwischen Nationen, Kulturen oder Religionen letztlich Ausdruck eines tieferen Missverständnisses: der Illusion der Trennung. Frieden kann daher nicht dauerhaft durch Machtgleichgewichte oder politische Kompromisse gesichert werden. Er entsteht erst dann, wenn Menschen beginnen, sich als Teil eines größeren Ganzen zu begreifen:
»Wo sonst als in Bahá’u’lláhs Prinzip der Einheit der Menschheit kann die Welt eine Vision finden, die umfassend genug ist, um all ihre verschiedenen Elemente zu einen? Wie sonst als durch die Umsetzung dieser Vision einer auf Einheit in der Vielfalt beruhenden Ordnung kann die Welt die gesellschaftlichen Brüche heilen, die sie spalten? Wer sonst kann der Sauerteig sein, durch den die Völker der Welt eine neue Lebensweise erkennen können, einen Weg zu dauerhaftem Frieden? Reichen Sie also allen die Hand der Freundschaft, des verbundenen Strebens, des gemeinsamen Dienens, des kollektiven Lernens, und schreiten Sie als Einheit voran.«
(Universales Haus der Gerechtigkeit, Riḍván 2024/5)
Diese Sichtweise verändert die Perspektive radikal. Der „Andere“ ist nicht mehr Gegner oder Fremder, sondern Mitmensch – jemand, dessen Wohlergehen untrennbar mit dem eigenen verbunden ist.
Ein weiterer zentraler Gedanke ist die enge Verbindung zwischen Frieden und Gerechtigkeit. In den Schriften der Bahá’í wird immer wieder betont, dass echter Frieden nicht ohne gerechte Verhältnisse entstehen kann:
»Es ist ihre Pflicht, Seite an Seite mit ihren Landsleuten dafür zu arbeiten, Nächstenliebe und Einheit zu fördern und Frieden und Gerechtigkeit zu errichten.«
(Universales Haus der Gerechtigkeit, 31. Oktober 2008/3)
Ungleichheit, Ausgrenzung und strukturelle Benachteiligung sind nicht nur soziale Probleme – sie sind auch Quellen von Konflikten. Wo Menschen das Gefühl haben, nicht gesehen oder gehört zu werden, wächst Unzufriedenheit, die sich in Spannungen und letztlich in Gewalt entladen kann.
Frieden zu leben bedeutet daher auch, sich aktiv für Gerechtigkeit einzusetzen: im eigenen Umfeld, in gesellschaftlichen Strukturen und im globalen Kontext. Es bedeutet, Verantwortung zu übernehmen und nicht gleichgültig zu bleiben.
Ein häufiges Missverständnis besteht darin, Frieden als etwas zu betrachten, das auf der Ebene großer Institutionen stattfindet. Doch aus Bahá’í-Sicht beginnt Frieden im Alltag – in den kleinen Entscheidungen, die jeder Mensch täglich trifft:
»O du Dienerin Gottes! Der Friede muss zuerst unter den einzelnen Menschen gestiftet werden, bis er schließlich zum Frieden unter den Nationen führt. O ihr Bahá’í! Strebt deshalb mit ganzer Kraft danach, durch die Macht des Gotteswortes echte Liebe, geistige Gemeinschaft und dauerhafte Bande zwischen den Menschen zu schaffen. Das ist eure Aufgabe.«
('Abdu'l-Bahá, Das Leben als Bahá’í, Einigkeit unter den Menschen schaffen: 33.1)
Wie sprechen wir über Andere?
Wie reagieren wir auf Meinungsverschiedenheiten?
Sind wir bereit zuzuhören, auch wenn wir nicht einverstanden sind?
Frieden zu leben heißt, bewusst eine Haltung einzunehmen, die von Respekt, Geduld und Mitgefühl geprägt ist. Es bedeutet, Konflikte nicht zu vermeiden, sondern sie auf eine Weise zu lösen, die Beziehungen stärkt statt zerstört.
Diese Form des Friedens ist anspruchsvoll. Sie verlangt Selbstreflexion und die Bereitschaft, eigene Muster zu hinterfragen. Doch gerade darin liegt ihre transformative Kraft.
Während individueller Wandel entscheidend ist, betonen die Bahá’í-Lehren auch die Bedeutung von Gemeinschaft. Frieden kann nicht isoliert gelebt werden – er entfaltet sich im Miteinander:
»So ist es auch in der Welt der Gedanken und Seelen. Gemeinschaft ist ein Ausdruck der Zusammensetzung und dem Leben förderlich; Zwietracht dagegen ist ein Ausdruck der Zersetzung und kommt dem Tod gleich. Ohne Zusammenhalt der einzelnen Bestandteile, die das Gemeinwesen bilden, müssen unweigerlich Auflösung und Zerfall folgen und das Leben wird ausgelöscht. Wilde Tiere haben keine Gemeinschaft. Geier und Tiger sind einsam, während Haustiere in völliger Harmonie zusammenleben. Schwarze und weiße Schafe leben konfliktfrei zusammen. Unterschiedliche bunte Vogelarten fliegen und fressen gemeinsam, ohne eine Spur von Feindschaft oder Uneinigkeit.« ‘Abdu’l-Bahá führt weiter aus: »Die zusammengesetzte Schönheit der Menschheit wird von ihrer Einheit und Mischung bezeugt. Wie herrlich ist der Anblick echter Einheit zwischen den Menschen! Wie förderlich für Frieden, Zuversicht und Glück wäre es, wenn die Völker und Nationen in Gemeinschaft und Einklang vereint wären! Die Propheten Gottes wurden mit der Aufgabe in die Welt gesandt, Einheit und Eintracht zu stiften, damit diese lange voneinander getrennten Schafe eine Herde bilden mögen.«
(‘Abdu’l-Bahá, Die Verkündigung des Weltfriedens: 23/3)
Gemeinschaften, die auf Prinzipien wie Gleichberechtigung, Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung basieren, werden zu Orten, an denen Frieden konkret erfahrbar wird. Sie bieten Raum für Dialog, für gemeinsames Lernen und für kollektives Wachstum.
Solche Gemeinschaften entstehen nicht zufällig. Sie erfordern bewusste Anstrengung, klare Werte und eine Kultur des Vertrauens. Doch sie zeigen, dass Frieden keine abstrakte Idee bleiben muss, sondern im Alltag Gestalt annehmen kann.
Denken Sie über Bahá’u’lláhs Worte nach:
»Fördert Wohlfahrt und Ruhe unter den Menschenkindern und richtet all euer Sinnen und Trachten auf die Erziehung der Völker auf Erden, damit die Zwietracht, die diese Erde spaltet, durch die Macht des Größten Namens von ihrem Angesicht getilgt und alle Menschen zu Verfechtern einer Ordnung und zu Bewohnern einer Stadt werden.
Diese Worte Bahá’u’lláhs sind von besonderer Bedeutung für Bahá’í-Jugendliche, die nach ihrer Reaktion auf das durch Konflikte verursachte Leid in der Welt gefragt werden.«
(Universales Haus der Gerechtigkeit, 26. Mai 2024/6–8)
»Eine sehr große Verantwortung für den künftigen Frieden und das Wohlergehen der Welt liegt auf den Schultern der heutigen Jugend. Möge die Bahá’í-Jugend durch die Kraft des Glaubens, den sie annahm, für ihre Kameraden ein leuchtendes Beispiel sein.«
(Das Universale Haus der Gerechtigkeit, An einen Nationalen Geistigen Rat, 15. April 1965)
In diesem Kontext wird jeder Beitrag zum Frieden bedeutsam. Jede Handlung, die von Liebe, Gerechtigkeit und Einheit geprägt ist, trägt dazu bei, eine neue Realität zu formen.
Frieden ist mehr als ein politisches Ziel. Er ist eine Lebensweise. Verhandlungen, Abkommen und Institutionen sind wichtig – doch sie können nur dann dauerhaft wirken, wenn sie auf einer inneren Haltung des Friedens aufbauen.
Aus der Sicht der Bahá’í bedeutet das: Jeder Mensch ist eingeladen, Teil der Lösung zu sein. Nicht erst auf globaler Ebene, sondern hier und jetzt – im eigenen Denken, im eigenen Handeln und im eigenen Umfeld.
Frieden zu leben ist kein einfacher Weg. Doch es ist der einzige Weg, der langfristig zu einer Welt führen kann, in der Einheit nicht nur ein Ideal ist, sondern gelebte Realität:
»Vielmehr beweist der Glaube Bahá’u’lláhs nunmehr mit sichtbarem Erfolg seinen Anspruch und sein Anrecht auf Anerkennung als eine Weltreligion, dazu bestimmt, in der Fülle der Zeit die Stellung eines weltumfassenden Gemeinwesens einzunehmen, das gleichzeitig Werkzeug und Hüter des von seinem Begründer angekündigten Größten Friedens ist.«
(Das Universale Haus der Gerechtigkeit, Jahrhundert des Lichts: XII/359)
»Alle, die Seine Lehren angenommen haben, lieben den Frieden, sind Friedensstifter, bereit, dafür ihr Leben zu opfern und ihr Hab und Gut dafür herzugeben.«
(‘Abdu’l-Bahá, Die Verkündigung des Weltfriedens: 47/11)
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