Hoffnung in Zeiten der Krise

Die Bahá'í-Religion bietet eine tiefgründige Perspektive, die Hoffnung vermittelt.

Zum 12. Juli dem Internationalen Tag der Hoffnung, der von der Generalversammlung der Vereinten Nationen ausgerufen wurde, um die weltweite Aufmerksamkeit auf die wichtigen Anliegen der Menschheit zu lenken und den Geist der Hoffnung und des Miteinanders zu stärken.

In einer Welt, die von Kriegen, sozialen Spannungen und Umweltkrisen geprägt ist, bietet die Bahá'í-Religion eine tiefgründige Perspektive auf Hoffnung. Sie ist kein naiver Optimismus, sondern eine bewusste geistige Haltung, die aus dem Verständnis eines göttlichen Heilsplans erwächst.

Die zentrale Botschaft lautet: Krise und Sieg sind zwei untrennbare Begleiter auf dem Weg der Menschheit zu ihrer Bestimmung. Das Universale Haus der Gerechtigkeit beschreibt diesen Prozess als ein schubweises Vorankommen – eine Entwicklung, die oft durch schwierige Phasen der Desintegration führt, bevor neue, friedvollere Strukturen entstehen können:

»Geliebte Freunde, wie turbulent die Zeiten auch sein mögen, bitten wir Sie inständig, nicht besorgt zu sein oder den Mut zu verlieren. ‘Abdu’l-Bahá rät uns allen, auf die Gnadengaben Gottes zu vertrauen und daher „immer hoffnungsvoll“ zu sein, in unserer Hoffnung „standhaft“ zu bleiben und „den verzweifelten Seelen zur Ursache der Hoffnung“ zu werden. Wenn sich die Horizonte der Welt verdunkeln, wird Hoffnung zu einem knappen und kostbaren Gut – jedoch zu einem, mit dem die Gemeinde des Größten Namens reichlich gesegnet ist, aufgrund ihrer Überzeugung hinsichtlich der Zukunft der Menschheit und aufgrund dessen, was sie aus eigener Erfahrung gelernt hat. Unzählige Menschen sehnen sich nach der Hoffnung, die Sie ihren Herzen bringen können.«

(Universales Haus der Gerechtigkeit, Riḍván 2026/6)

Alle Dinge sind von Gott

Bahá'u'lláh schrieb im Buch ‚Botschaften aus 'Akká' Folgendes:

»Wir hegen die Hoffnung, dass das Volk Bahás sich von den seligen Worten führen lässt: „Sprich: Alle Dinge sind von Gott.“ Dieser erhabene Vers ist wie Wasser, das Feuer des Hasses und der Feindseligkeit zu löschen, welches in der Menschen Herz und Brust schwelt. Durch diesen einen Vers werden streitende Völker und Geschlechter zum Lichte wahrer Einheit gelangen. Wahrlich, Er spricht die Wahrheit und führt den Weg. Er ist der Allmächtige, der Erhabene, der Gnädige.«

(Bahá’u’lláh, Botschaften aus ‘Akká, 15. Kitáb-i-‘Ahd/12)

‘Abdu’l-Bahá, bekräftigt uns im Buch ‚Briefe und Botschaften' Folgendes:

»Verliere niemals dein Vertrauen in Gott. Sei immer voller Hoffnung; denn unablässig strömen Gottes Segnungen auf den Menschen herab. Aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet, scheinen sie schwächer zu werden, aber aus einem anderen sind sie reich und vollendet. Der Mensch ist unter allen Lebensbedingungen in ein Meer göttlichen Segens getaucht. Deshalb sei unter keinen Umständen mutlos, sondern sei fest in deinem Hoffen.«

(‘Abdu’l-Bahá, Briefe und Botschaften/178/1)

»Verleihe Deinen Dienern, die sich nach Dir sehnen, die Kraft, dem Thronsitz zu nahen, wo Deine Herrlichkeit ihren Strahlenglanz offenbart, und hilf denen, die ihre Hoffnung auf Dich setzen, in das Heiligtum Deiner allüberragenden Gunst und Gnade einzugehen.«

(Gebete und Meditationen von Bahá’u’lláh, 64:1)

Die Bahá’í-Perspektive sieht Hoffnung nicht als etwas Abstraktes, sondern als etwas, das aus dem Verständnis der Menschheit und ihrer Entwicklung entsteht. Einige zentrale Gedanken, auf denen diese Hoffnung gründet: 

1. Die Einheit der Menschheit

Im Bahá’í-Glauben wird betont, dass alle Menschen Teil einer einzigen Familie sind. Konflikte, Ungleichheit und Vorurteile werden als vorübergehende Phasen gesehen – nicht als unser endgültiger Zustand. Diese Sicht gibt Hoffnung, dass echte globale Zusammenarbeit möglich ist.

»Wo Hoffnung verlorengegangen ist, muss die Zukunftsperspektive wiederhergestellt werden; wo Zweifel und Verwirrung herrschen, muss Zuversicht aufgebaut werden. Die Botschaft „Verheißung des Weltfriedens“ soll in dieser und anderer Hinsicht die Türen öffnen.«

„Die Verheißung des Weltfriedens“

(Universales Haus der Gerechtigkeit, Ridván 1988/8)

2. Fortschreitende Offenbarung

Die Lehren von Persönlichkeiten wie Bahá’u’lláh bauen auf früheren Religionen auf. Ihre Idee ist: Die Menschheit entwickelt sich, und göttliche Führung erscheint immer wieder passend zur jeweiligen Zeit. Das bedeutet, dass auch heutige Krisen Teil eines größeren Entwicklungsprozesses sind.

»Verwirf nicht den, o mein Herr, der sich Dir zuwendet, noch lass den, der sich Dir nähert, von Deinem Hofe verweisen. Zerschlage nicht die Hoffnungen des Bittenden, der sehnsüchtig suchend die Hände nach Deiner Gunst und Güte streckt, und beraube Deine aufrichtigen Diener nicht der Wunder Deines zarten Erbarmens und Deiner Gnade. Du, o mein Herr, bist der Vergebende, der Gabenreichste.«

(Gebete und Meditationen von Bahá’u’lláh, 56:6)

3. Krise als Übergang

Probleme wie soziale Spaltung oder Umweltkrisen werden nicht nur als Katastrophen gesehen, sondern als „Geburtswehen“ einer reiferen Zivilisation. Das kann eine andere Perspektive geben: Schwierigkeiten sind nicht das Ende, sondern Teil eines Wandels.

»Es ist die Pflicht eines jeden Suchers, sich zu mühen und danach zu streben, die Küsten dieses Meeres zu erreichen, bekundet Bahá’u’lláh. Die geistigen Lehren, die aufeinander folgende Gottesboten durch die Jahrhunderte hinweg übermittelten, fanden ihren Ausdruck in religiösen Systemen, die im Laufe der Zeit mit kulturellen Aspekten vermengt und durch von Menschen gemachte Dogmen belastet wurden. Aber lässt man diese außer Acht, dann wird deutlich, dass die ursprünglichen Lehren die Quelle der allgemeingültigen Werte sind, durch die unterschiedliche Völker eine gemeinsame Sache fanden und die das moralische Bewusstsein der Menschheit geformt haben. In der heutigen Gesellschaft hat das Ansehen von Religion stark gelitten – und das nicht ohne Grund. Wenn im Namen von Religion Hass und Kampf gefördert werden, ist es besser keine Religion zu haben. Wahre Religion jedoch kann an ihren Früchten erkannt werden – an ihrer Fähigkeit, zu inspirieren, zu verwandeln, zu vereinen, Frieden und Wohlstand zu fördern. Sie steht in Einklang mit der Vernunft. Und sie ist unentbehrlich für gesellschaftlichen Fortschritt.«

(Universales Haus der Gerechtigkeit, Oktober 2017/4)

4. Rolle des Einzelnen

Hoffnung entsteht auch durch Handlung. Jeder Mensch kann durch kleine Beiträge – Bildung, Dienst an der Gemeinschaft, Förderung von Einheit – aktiv an einer besseren Welt mitwirken.

»Er fordert auf zu guten Taten, freundlichen Worten und aufrechtem Verhalten; Er verpflichtet zum Dienst an anderen und zu gemeinschaftlichem Handeln. Und Er ruft jedes Mitglied der menschlichen Gemeinschaft auf, sich an der Aufgabe zu beteiligen, eine Weltkultur zu errichten, die auf den göttlichen Lehren basiert. Könnte man angesichts der Dimension Seiner Vision nicht fragen, auf welche Grundlage die Menschheit eine realistische Hoffnung für die Zukunft setzen sollte, wenn nicht auf diese?«

(Universales Haus der Gerechtigkeit, Oktober 2017/4)

5. Spirituelle Entwicklung

Neben materiellen Fortschritten wird die Entwicklung von Eigenschaften wie Gerechtigkeit, Mitgefühl und Wahrhaftigkeit als entscheidend angesehen. Hoffnung liegt darin, dass diese Qualitäten in jedem Menschen angelegt sind und wachsen können.

»Deshalb müssen die Geliebten Gottes diesen Baum der Hoffnung mit den Wassern ihres ganzen Strebens fleißig nähren und pflegen. In welchem Land sie auch leben, lasst sie aus ganzem Herzen Freunde und Gefährten sein für alle, die ihnen nahe stehen oder ferne sind. Lasst sie mit himmelsgleichen Eigenschaften die Institutionen Gottes und Seine Religion fördern. Lasst sie nie den Mut verlieren, nie verzweifeln, nie sich niedergeschlagen fühlen. Je mehr Widerstand sie begegnen, desto mehr lasst sie ihren festen Glauben zeigen; je mehr Schmerz und Trübsal auf sie zukommen, desto freigebiger lasst sie allen den Kelch der Großmut reichen. Das ist der Geist, der der Welt neues Leben gibt, das ist das weithin strahlende Licht in seinem Wesenskern.«

(‘Abdu’l-Bahá, Briefe und Botschaften, 206:13)

Kurz gesagt:
Die Bahá’í-Sicht gibt Hoffnung, weil sie die Menschheit als lernfähig, verbunden und auf dem Weg zu größerer Einheit versteht – trotz aller aktuellen Herausforderungen.

Praktische Hoffnung im Alltag

Die Bahá'í-Schriften betonen, dass Hoffnung nicht im passiven Abwarten besteht, sondern im aktiven Handeln:

  1. Dienst an der Menschheit: Die höchste Form der Anbetung ist der praktische Dienst am Nächsten. In kleinen, konkreten Schritten können Veränderungen herbeigeführt werden – in der Nachbarschaft, im Beruf, im gesellschaftlichen Engagement.
  2. Beratung und Gemeinschaft: Probleme werden nicht allein getragen, sondern im Geist der Einheit mit anderen besprochen. Diese „Beratung“ ist eine aktive, soziale Praxis der Hoffnung.
  3. Ethische Grundsätze leben: Das Universale Haus der Gerechtigkeit betont, dass „jede Entscheidung, die ein Bahá'í trifft – als Arbeitnehmer oder Arbeitgeber, als Produzent oder Verbraucher – eine Spur hinterlässt“. (Universales Haus der Gerechtigkeit, 1. März 2017/5)

Die moralische Pflicht zu einem kohärenten Leben verlangt, dass wirtschaftliche Entscheidungen hehren Idealen entsprechen.

Die unvermeidliche Erfüllung der Verheißung

Trotz aller Rückschläge bleibt die Bahá'í-Perspektive von einer tiefen Gewissheit getragen: »Die Vereinigung der Menschheit ist durch keine menschliche Kraft aufzuhalten.« Die dunkelsten Stunden sind nicht das Ende, sondern die Geburtswehen einer neuen, geeinten Weltordnung.

Die Worte Bahá'u'lláhs ermutigen: »Steht fest wie ein Berg in der Sache eures Herrn.« Die Gläubigen sollen sich von den Mächten der Erde nicht einschüchtern lassen, sondern ihr Vertrauen auf Gott setzen.

Hoffnung als geistige Praxis

Hoffnung ist im Bahá'í-Verständnis keine Gefühlsregung, sondern eine bewusste Entscheidung und eine tägliche Praxis. Sie nährt sich aus dem Gebet, der Meditation über die Heiligen Schriften und dem Dienst an anderen. In einer Zeit, die von Verunsicherung geprägt ist, bietet dieser Ansatz einen Weg, nicht in Apathie oder Verzweiflung zu verfallen, sondern aktiv und hoffnungsvoll die eigene Rolle im größeren Plan der Menschheitsentwicklung zu sehen.

»Ich hoffe, dass sie ihre große Verantwortung an diesem Tag vollständig erkennen, alles in ihrer Macht Stehende tun, um die großen Hoffnungen, die wir für ihre Zukunft hegen, zu rechtfertigen, und sich in jeder Hinsicht der edlen Mission, die ihnen die Bahá’í-Welt jetzt anvertraut, würdig erweisen.«

(Shoghi Effendi, Förderung der Frau, 109:3)

»Möge es Ihnen gelingen, denen Hoffnung zu geben, die nicht wissen, wo sie diese in einer Welt finden können, die orientierungslos dahintreibt und der es schmerzlich an der Einheit mangelt, die Sie durch Ihre von Herzen kommende Hingabe an den Bund so deutlich zum Ausdruck bringen.«

(Universales Haus der Gerechtigkeit, 25. November 2020/8)

 

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Miteinander für eine bessere Welt | Neuorientierung

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